Das Büro der einsamen Toten - Britta Bolt


    • Gebundene Ausgabe: 384 Seiten
    • Verlag: Hoffmann und Campe Verlag GmbH (11. März 2015)
    • ISBN-10: 3455405282
    • ISBN-13: 978-3455405286
    • Originaltitel: Lonely Graves
    • Genre: Krimi




Verlags Kurzbeschreibung: 
Er ist kein Polizist, kein Privatdetektiv - und trotzdem dreht sich in seinem Leben alles um den Tod. Im "Büro der einsamen Toten" bei der Stadt Amsterdam kümmert sich Pieter Posthumus um die einsamen Toten - Menschen ohne Angehörige, Menschen, die keiner vermisst - und richtet ihnen ein würdiges Begräbnis aus, mit Musik und Gedichten. Bei seinen Recherchen stößt er auf so manche Ungereimtheit. In der Prinsengracht ist die Leiche eines jungen Mannes gefunden worden. Die Umstände seines Todes sind mysteriös. Posthumus nimmt auf eigene Faust die Ermittlungen auf und gerät in ein Netz von Intrigen ...

Meine Bewertung: * * * * undeinhalb

Buch zur Weltenbummler Challenge

Meine Meinung:
Diesen niederländischen Krimi durfte ich im Rahmen einer Leserunde bei Lovelybooks lesen. Nicht nur die Location, sondern auch die Art des Ermittlers waren mir als Krimi- und Thrillerfan komplett neu. Das war für mich schon ein dicker Pluspunkt, den viele Bücher in diesem Genre haben oft gewisse Ähnlichkeiten und so sticht dieses Buch aus all den Einheitsbrei heraus.

Britta Bolt ist das Pseudonym des Autorenduos Britta Böhler und Rodney Bolt. Britta Böhler ist Anwältin und wurde durch ihre Haltung zur Anti-Terror-Gesetzgebung in den Niederlanden bekannt. Seit 2012 ist sie Professorin an der Uni in Amsterdam. In diesem Krimi bringen die beiden Autoren den Lesern die Migrationsprobleme aus verschiedenen Blickpunkten näher.

Der Prolog beginnt mit einer überaus detaillierten Beschreibung eines Mannes in  der traditionellen marokkanischen Djellaba, der bewusstlos in eine Gracht stürzt und den darauffolgenden Weg durch die Kanäle von Amsterdam bis zur Auffindung der Leiche in der Prinsengracht.

Danach blendet das Autorenduo zwei Wochen zurück und wir lernen unseren Hauptprotagionisten Pieter Posthumus kennen. Er arbeitet im Amt für Katastrophenschutz und Bestattungen der Stadt Amsterdam. Hier wird unbekannten Toten durch die Stadt Amsterdam ein würdiges Begräbnis vermittelt.
Mit Pieter Posthumus , genannt PP, ist dem Autorenduo ein toller und sehr sympathischer Charakter gelungen. Der ehemalige Hausbesetzer, der der Polizei noch heute lieber aus dem Weg geht, liebt mittlerweile Secondhand Markenkleidung, gutes Essen und erlesenen Wein. Er ist ein Beamter, der seine Arbeit nicht nach Schema F verrichtet, sondern der gerne mehr über das meistens einsame Leben "seiner" Toten wissen möchte. Und so stochert er gerne à la Hercule Poiret in Dingen herum, die ihm keine Ruhe lassen. So auch der Selbstmord eines jungen Mannes, der wunderschöne, aber düstere Gedichte mit einem edlen alten Füller geschrieben hat und eine Tätowierung aufweist, die PP irgendwie bekannt vorkommt. Dieser Tote lässt ihn nicht los und so beginnt er zu recherchieren......
Zwei Wochen später hat er auch die Leiche des jungen Marokkaners aus der Prinsengracht aus dem Prolog am Tisch. Erst nach und nach entdeckt er, dass die beiden Leichen irgendwie zusammenhängen.....

Das Autorenduo hat hier sehr viele Nebencharaktere und drei Handlungsstränge erschaffen, die anfangs überhaupt keine Verbindung darstellen.
In einem davon lernt man die Kollegen und Freunde Pieters kennen, allen voran Anna, seine Exfreundin, mit der ihm eine tiefe Freundschaft verbindet. Alex, seine symathische Kollegin, Merle, seine Nichte, Maya, der Bürodrachen und Sulung, sein im Moment mehr abwesender, als anwesender Kollege.
Im zweiten Handlungsstrang lernen wir Mohammed kennen, einen Einwanderer erster Generation, der sich mit seinem Sofageschäft selbstständig gemacht hat und sich als Niederländer fühlt. Er und seine Frau Karim sind offen und lieben ihre jetztige Heimat und leben trotzdem den Großteil ihrer moslimischen Traditionen. Ihr Sohn Najib und ihre Tochter Aissa fühlen sich jedoch weder als Marokkaner, noch als Niederländer. Während Aissa eine starke junge Frau ist und ihren Weg zu finden scheint, kapselt sich Najib immer mehr ab, rebelliert und findet Freunde in der radikalen Szene. Er wird immer verbohrter und beginnt sich gegen seine Familie zu wenden.
Im dritten Erzählstrang kommt der NAS, der niederländische Geheimdienst zum Zug. Veldhuizen, Chef aus der Abteilung Staatsschutz, will die unbedingte Zerstörung der sogenannten "Amsterdamer Zelle", eine Clique junger radikaler Muslime. Das Ermittlerteam untersucht den Mord am jungen Moslem, der aus der Gracht gefischt wurde. Dabei geht Veldhuizen nicht immer legale Wege...
Diese drei Handlungsstränge und deren Personen werden nach und nach zusammengeführt und ergeben ein tolles Gesamtpaket. Die Autoren versuchen den Leser die Migrationsprobleme und die Ziellosigkeit der zweiten Generation der Einwanderer zu vermitteln. Aber auch über Korruption einzelner Menschen, die falsche Reaktionen auslösen können und alles nur noch verschlimmern. Man erkennt, dass sich Britta Böhler viel mit der Frage von Radikalismus auseinander gesetzt hat. Mich haben einige Aussagen sehr nachdenklich gemacht und trotz der manchmal fehlenden Spannung fand ich diesen Debütkrimi äußert gelungen.

Die Beschreibung der niederländischen Hauptstadt ist sehr bildhaft, atmosphärisch und detailliert. Im Buchinnenteil befindet sich sowohl vorne als auch hinten ein Stadtplan. Man hat immer das Gefühl sich mitten in dieser faszinierenden Stadt zu bewegen und lernt auch Teile von Amsterdam kennen, die kein Tourist je besucht hat.

Schreibstil:
Sehr detailliert, viele Personen und Handlungsstränge, trotzdem flüssig, informationsreich und wunderbar zu lesen. Man merkt, dass das Autorenduo weiß, wovon es schreibt. Mit den charismatischen Hauptprotagonisten haben sie einen Charakter geschaffen, über den man auf jeden Fall mehr lesen will. Laut den Autoren wird es auch noch zwei weitere Krimis mit Pieter Posthumus geben.

Cover:
 

Ich denke, die meisten werden mir zustimmen, dass das deutsche Cover äußerst gelungen ist!
Britta Bolt hat uns noch erzählt, dass die Originalausgabe nicht auf niederländisch, sondern auf englisch  geschrieben wurde, da Englisch Rodney Bolts Muttersprache ist.

Fazit:
Ein sehr komplexer Krimi mit einem äußerst sympathischen Hauptprotagonisten, einem tollen Schauplatz und einem sehr aktuellen Thema. Ein gelungenes Debüt mit Potential!


Vielen Dank an den Hoffmann & Campe Verlag, an Lovelybooks und Britta Böhler für die Leserundenbegleitung!

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