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- Gebundene Ausgabe: 384 Seiten
- Verlag: C.Bertelsmann Verlag ( 25. März 2026)
- ISBN-10 : 3570106063
- ISBN-13 : 978-3570106068
- Genre: zwei Zeitebenen, Roman
C.Bertelsmann Kurzbeschreibung:2023. Die 85-jährige Inge Sundermann folgt widerwillig einer Einladung zum Klassentreffen in die Lüneburger Heide. Mit dem Ort ihrer Kindheit verbindet sich eine furchtbare Schuld, die sie einst im Kindesalter auf sich geladen und tief in sich vergraben hat. Doch die Vergangenheit holt Inge nun ein in Gestalt der Tagebuchaufzeichnungen von Helga von Borcke, einer Frau, die bereits 1946 begonnen hat, die Chronik dieser idyllischen Landschaft im Schatten von Bergen-Belsen niederzuschreiben.
1946. Die 8-jährige Inge findet auf dem Weg zum Geigenunterricht im Wald die Leiche einer jungen Frau. Ein tragischer Prozess um Lügen, Vertuschung und menschenverachtende Verbrechen nimmt seinen Lauf, der Inge viele Jahrzehnte später noch einmal mit voller Wucht heimsucht.
Meine Bewertung: * * * * *
♥♥♥ Lieblingsbuch-Status ♥♥♥
Buch zur ABC Challenge
Buch zur Weltenbummler Challenge
Buch zur Reiselust Challenge
Meine Meinung:
"Wo der Wind die Namen trägt", den neuen Roman von Anja Jonuleit habe ich wieder gemeinsam mit der lieben Caroline vom YouTube Kanal "Marie's Salon de Livre" gelesen. Wir haben schon den Zweiteiler "Kaiserwald" und "Sonnenwende" der Autorin gemeinsam verschlungen und so stand schnell fest, dass wir auch das neue Buch lesen wollen. Ihr neuer Roman ist für mich ein richtiges Highlight geworden und bekommt meinen Lieblingsbuch-Status.
Der Roman spielt auf zwei Zeitebenen und erzählt einmal aus der Sicht der 8jährigen und der 85jährigen Inge. Ein weiterer Handlungsstrang spielt kurz nach dem Kriegsende und wird aus der Perspektive von Helga von Borcke berichtet. Sie hat den Auftrag eine Chronik der Kreisbauernschaft zu erstellen. Ihre Gespräche mit Zeitzeugen und vor allem ihre Tagebucheinträge werden der Schlüssel - nicht nur für Inge, sondern auch für den Leser - um die Vergangenheit besser zu verstehen.
Die verschiedenen Handlungsstränge unterscheiden sich durch unterschiedliche Schriftarten im Buch, die sich alle gut lesen lassen.
Als Inge zum Klassentreffen der Volksschule eingeladen wird, hat sie keine Lust in die Lüneburger Heide, ihrer ehemaligen Heimat zu fahren. Bis heute liegt ihr ein bestimmtes Ereignis schwer im Magen, welches sie bisher erfolgreich verdrängt hat. Nun kommen die schlimmen Erinnerungen wieder hoch. Ihre Enkelin Nora lässt jedoch nicht locker und überredet sie gemeinsam, mit ihr und dem Urenkel Paul, in der Lüneburger Heide Urlaub zu machen, während Inge sich mit ihren alten Schulkollegen trifft. Ein Klassenkamerad gibt ihr die Aufzeichnungen von Helga zu lesen, die ihre Sichtweise auf die damalige Zeit nochmals verändern wird. Es sind schmerzliche Wahrheiten, die Inge erst im Alter erfährt, obwohl viele der Dorfbewohner davon wussten und geschwiegen haben.
In Rückblenden bekommt man die Sicht von Inge als Kind erzählt, die uns zeigen, wie trügerisch Erinnerungen sein können - vor allem in diesem Alter, wo man viele Dinge nicht oder falsch versteht.
Die damals 8jährige Inge zieht nach dem Kriegsende mit ihrer Mutter, einer angesehenen Kinderärztin, auf den Hof der Familie Oelkers auf Land. Dort bekommen sie ein Zimmer zugeteilt, nachdem ihre Wohnung in Hamburg zerbombt wurde. Inge fühlt sich in der Lüneburger Heide wohl und schließt schnell Freundschaften mit den Dorfkindern. Hofhund Arno wird ihr täglicher Begleiter, wenn sie durch die Heide und den Wald stromert. Als sie eines Tages einen Mann auf einer Geige spielen hört, bittet sie ihm, ihr das Geige spielen heimlich beizubringen und nennt ihn von nun an "den Geigenmann".
Vieles wirkt idyllisch nach den harten Kriegsjahren, doch diese trügt. Auch für Inge wird diese Idylle jäh zerstört, als man Arno mutwillig tötet und eine junge Frau tot aufgefunden wird.
Erst als Erwachsene erkennt Inge, wie die alten Naziseilschaften auch noch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges weiter bestehen blieben und die Dorfgemeinschaft beeinflusst haben. Nach und nach bricht die Fassade auf und macht Platz für eine Wirklichkeit, die von Schweigen, Verdrängen und erschütternden Wahrheiten geprägt ist.
Durch die laufend wechselnden Perspektiven bleibt der Roman durchgängig spannend. Die Atmosphäre ist oftmals sehr beklemmend, die durch die bildhaften Naturbeschreibungen der Lüneburger Heide aufgelockert wird. Die Figuren sind lebendig und authentisch gezeichnet. Es gibt kein schwarz-weiß, wodurch die Charaktere glaubwürdig rüberkommen. Vor allem Inge fand ich im jeweiligen Alter überzeugend dargestellt - egal ob als Kind oder alte Dame.
Schweigen und Verdrängen heißt die Devise. So hat es Helga sehr schwer, die Dorfbewohner zum Sprechen zu bringen und die Mauer des Schweigens zu durchdringen. Zusätzlich legen ihr einige Menschen immer wieder Steine in den Weg und beginnen sie zu bedrohen, wenn sie ihre Nachforschungen weiter durchführt.
Vieles beruht auf wahren Begebenheiten. Die volle Bedeutung des Gelesenen erschließt sich einem erst auf den letzten Seiten des Buches. Die Recherche zu einigen historischen Begebenheiten, war sicher nicht einfach. Darauf geht die Autorin im Nachwort ausführlich ein. Mich hat der Roman sehr berührt und einige Stellen waren wirklich schwer auszuhalten. Obwohl ich schon viele Bücher zum Thema Zweiter Weltkrieg und auch der Nachkriegszeit gelesen habe, erfahre ich immer wieder neue schreckliche Dinge, die man sich oftmals gar nicht vorstellen kann oder will.
Anja Jonuleits Roman erinnert mich an die Bücher von Mechtild Borrmann, die starke Themen auf nicht mal 300 Seiten so erzählen kann, dass diese berühren und einem im Gedächtnis bleiben. Anja Jonuleit hat mit "Wo der Wind die Namen trägt" auf 384 Seiten ähnliches geschaffen und mich absolut einnehmen können mit ihrem neuen Werk.
Fazit:
Eine Geschichte, die betroffen macht, aufrüttelt und unter die Haut geht. Ganz wunderbar erzählt und für mich ein ganz besonderes Highlight!
Vielen Dank an das Bloggerportal von Penguin Randomhouse für das Rezensionsexemplar!