Irmas Enkel - Leandra Moor




    • Taschenbuch: 488 Seiten
    • Verlag: tredition; Auflage: 1 (19. August 2019)
    • ISBN-10: 3749723540
    • ISBN-13: 978-3749723546
    • Genre: Biografischer Roman, Historischer Roman


tredition Kurzbeschreibung:
Als Anni 1946 zum zweiten Mal vor den Traualtar tritt, schließt sie mit ihrem Leben ab. Die vergangenen Jahre haben ihr die Familie geraubt, das Hoffen hat sie verlernt. Ihr einziger Anker ist das Versprechen einer Wahrsagerin, was sie zwingt, diesen Kerl aus dem Nachbardorf zu ertragen. Egal zu welchem Preis. Auf der Suche nach Lücken in ihrer Familienbiografie trug die Autorin berührende Lebensepisoden zusammen. Der Kern jeder Geschichte war das Dilemma des Schweigens und dessen Weitergabe an die nächste Generation. Die Geschichte von Irmas Enkeln versinnbildlicht das Empfinden jener Zeit. Hätten sie sich den Gegebenheiten der Jahrzehnte, in die sie hineingeboren wurden, entziehen können?


Meine Bewertung: * * * * *

Buch zur Weltenbummler Challenge

Meine Meinung:
Der biografische Roman von Leandra Moor erzählt die Familiengeschichte um Annie Bar, die im kleinen Ort Perlitz aufgewachsen ist und zwei Weltkriege miterlebt hat. Das Foto in Sepiatönen, welches das Buchcover ziert, zeigt drei Generationen einer Familie. Man sieht die kleine Annie, ihre beiden Brüder Willi und Alfred, ihre Mutter Helene und ihre Großmutter Irma.
Ich habe bereits viele biografische und historische Romane über die Zeit der beiden Weltkriege gelesen, aber die meisten erzählen über die Judenverfolgung oder das Soldatenleben an der Front. In "Irmas Enkel" geht es um das Leben der Frauen im Krieg und der Nachkriegszeit. Wir erleben hautnah mit, wie Mütter und Ehefrauen in ihrer Heimat die Männer ersetzen mussten und Hunger, Armut und Gräuel erlebten. Unsere Hauptprotagonistin Annie hat davon jede Menge erlebt! Selten habe ich eine so authentische Geschichte gelesen, die das tägliche Leben im Krieg abseits der Front aufzeigt und die Stärke dieser Frauen aufzeigt.

Der Roman ist in zwei Teile unterteilt und beginnt im Jahr 1918 und dauert bis 1946 an. Annie wächst in einer ärmlichen Kate im kleinen Ort Perlitz auf. Neben ihren Brüdern Willi und Alfred wird sie von ihrer Mutter Helene und der Großmutter Irma aufgezogen. Vater und Großvater kehrten nach Ende des Ersten Weltkrieges nicht mehr zurück. Das Verhältnis zu ihren Brüdern ist herzlich, das Alltagsleben schwer und mühselig. Annie findet in Bruno einen liebenwerten jungen Mann, in den sie sich verliebt und den sie auch heiratet. Sie beginnen sich ein Eigenheim aufzubauen, doch wir schreiben das Jahr 1939 und Annies Ehemann und ihre beiden Brüder werden zu Beginn des Zweiten Weltrkieges eingezogen. Zurück bleiben die Ehefrauen und Mütter: Helene, die sich vollkommen in sich zurückzieht, verstummt und sich schwört erst wieder zu sprechen, wenn ihre Söhne heil aus dem Krieg zurückkehren, Annie, die plötzlich alleine auf sich gestellt ist, ihre Schwägerinnen Trude und Lotte mit den Kleinkindern Horst und Peter. Der Leser erlebt mit Annie die Kriegsjahre und wie sich die Frauen an die Gegebenheiten anpassen müssen. Dabei spürt man immer wieder die Hoffnung, dass einer der Männer auf Heimaturlaub zurückkehrt oder die Angst einen der Briefe zu erhalten, in den von Ehre und Heldenmut im Kampf gesprochen wird. Mit dem Fortschreiten des Krieges kommt es auch zu Flucht und Vertreibung. In dieser Zeit kommt Edith mit ihrem Sohn Hugo nach Perlitz, die ebenfalls auf die Rückkehr ihres Mannes wartet. Getrennt von ihrer Schwester, die sich nach Bayern flüchtet, findet sie in Annie und Lotte Freundinnen.

Der zweite Teil beginnt Weihnachten 1946 und endet in den frühen 80iger Jahren. Zu Beginn steht Annie vor einer schwierigen Entscheidung, die ihr weiteres persönliches Leben massiv beeinflussen wird. In dieser Zeit landet auch Perlitz in der Sowjetzone und gehört später zur Deutschen Demokratischen Republik. Aus Nationalsozialismus wird Sozialismis und schließlich Faschismus. Es ändert sich nicht viel. Die Grenzen werden geschlossen und die Genossenschaften werden fester Bestandteil der Landwirtschaft. Die Bespitzelungen gehen weiter. Es sind wiederum Zeiten, in denen man den Mund hält und sich fügt. Zeiten, in denen machthungrige Männer die Menschen unterdrücken und Männer und Frauen schweigen.
Der Roman ist authentisch und beschönigt nichts. Ich habe mit Annie mitgefühlt und bin ihr wie einer Freundin gefolgt. Sie hatte alles andere, als ein leichtes Leben und nach dem Zuklappen des Buches war ich traurig, dass sie kein schöneres Leben hatte.

Leandra Moor wurde durch Lücken in ihrer eigenen Familienbiografie zu Irmas Enkel inspiriert. Der Roman spiegelt mit seinen biografischen Lebensgeschichten verschiedene Abschnitte der deutschen Geschichte wider und offenbart, warum es zwischen den Generationen einen derartigen Konflikt gab. Doch die Sprachlosigkeit herrscht auch noch bis heute und wird erst langsam, durch Lektüre wie diese, etwas besser. Auch meine Eltern haben den Zweiten Weltkrieg miterlebt - erfahren habe ich davon kaum etwas. Auch Emotionen oder Gefühle waren bei ihnen nur schwer zu finden. Deswegen trifft diese Sprachlosigkeit auch Kriegskinder und -enkel und wirkt bis heute nach.

Leider gibt es in der Fassung des Romans, die ich als Leseexemplar bekommen habe, noch sehr viele Fehler. Die Autorin hat mir aber mitgeteilt, dass in der neuen Auflage diese bereits ausgemerzt sind.

Fazit:
Eine Lebensgeschichte, die tief berührt und gleichzeitig ein Bild der deutschen Geschichte des letzten Jahrhunderts bietet. Ebenso zeigt es auf, wie die Kriegsgeneration mit ihrem Schweigen ihre Nachfahren beeinflussten und wir deswegen heute noch daran zu "knabbern" haben. Ein Buch zum Nachdenken und #gegendasvergessen
Vielen Dank an die Autorin für das Rezensionsexemplar!

4 Kommentare:

  1. Hallo Martina,

    das klingt nach einer richtig lesenswerten Geschichte. Schon tragisch, wenn ein Mensch zwei Weltkriege erleben muss. Das kann man sich heutzutage gar nicht mehr vorstellen.

    Liebe Grüße & ein gemütliches Wochenende,
    Nicole

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    1. Ja, ist es und auch nicht wirklich sehr "aufbauend". Meine Großmutter musste ähnliches erleben...2 Weltkriege und den Verlust von Ehemann und Sohn. Meine Mutter und sie bleiben auch "übrig" und die sowjetischen Besetzer waren gefürchtet! Gut, dass sie bei uns ab 1955 wenigstens weg waren!!

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  2. Hallo Martina,
    bei mir ist es schon einen Monat her, dass ich "Irmas Enkel" gelesen habe. Aber ich muss noch ab und zu daran denken, Roman und Schicksale bleiben präsent. Ein wirklich guter Roman!
    Ich hab dich bei mir verlinkt: HIER.

    Liebe Grüße
    Daniela

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    1. Danke Daniela! Ja, man denkt doch immer wieder an Annis Geschichte. Die vielen Fehler haben mich etwas gestört, aber die sollen ja jetzt ausgebessert sein.
      Liebe Grüße
      Martina

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