Der Zopf - Laetitia Colombani




    • Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
    • Verlag: S. FISCHER; Auflage: 2 (21. März 2018)
    • Übersetzer: Claudia Marquardt
    • ISBN-10: 3103973519
    • ISBN-13: 978-3103973518
    • Originaltitel: La tresse
    • Genre: Gegenwartsliteratur



Fischer Kurzbeschreibung:
Die Lebenswege von Smita, Giulia und Sarah könnten unterschiedlicher nicht sein. In Indien setzt Smita alles daran, damit ihre Tochter lesen und schreiben lernt. In Sizilien entdeckt Giulia nach dem Unfall ihres Vaters, dass das Familienunternehmen, die letzte Perückenfabrik Palermos, ruiniert ist. Und in Montreal soll die erfolgreiche Anwältin Sarah Partnerin der Kanzlei werden, da erfährt sie von ihrer schweren Erkrankung. Ergreifend und kunstvoll flicht Laetitia Colombani aus den drei außergewöhnlichen Geschichten einen prachtvollen Zopf.

Meine Bewertung: * * * * undeinhalb


Warnung: Der Klappentext verrät zu viel vom Inhalt! Wenn möglich nicht vorher lesen!

Meine Meinung:
Ein richtiger Zopf besteht aus drei einzelnen Strähnen, die sich am Ende zusammenfügen. Genauso ist dieser Roman von Laetitia Colombani. Er erzählt von drei sehr unterschiedlichen Frauen, die auf den ersten Blick nicht wirklich viel gemeinsam haben. Und doch verbindet sie einiges...

Die Geschichten der drei Frauen wechseln sich immer wieder ab. Wir lesen zuerst über Smita aus Indien, dann über Giulia aus Sizilien und Sarah aus Kanada und jeder Part endet mit einem kleinen Cliffhanger, sodass man das Gefühl bekommt einfach weiterlesen zu wollen. So begleiten wir abwechselnd Smita, Giulia und Sarah in ihren sehr verschiedenen Leben.

Die Autorin hat mich besonders mit dem Strang rund um Smita beeindruckt. Diese ist eine Dalit, eine Unberührbare, die am untersten Ende der Gesellschaft steht. Sie hat keinerlei Rechte und null Chancen mehr aus ihrem Leben machen zu können. Die Beschreibung ihrer Aufgabe, der Einsammlung von Exkrementen höher gestellter Inder wird sehr eindringlich beschrieben. Den Gestank konnte ich durch die lebendige Beschreibung fast riechen. Ebenso erfährt man detailiert von der Arbeit ihres Ehemann Nagajaran, einem Rattenfänger. Sein Fang ist das tägliche Essen seiner Familie. Lohn erhält Smita keinen, bestenfalls ein paar Essenreste. Smita's größter Wunsch ist es ihre Tochter Lalita in die Schule zu schicken und ihr ein ähnliches Schicksal als Müllsammlerin zu ersparen. Mit Nagajaran hat sie einen guten Ehemann gefunden und die Beiden geben ihr  gesamtes Erspartes einem Lehrer, damit Lalita die Schule besuchen kann. Dieser nimmt das Geld, verwehrt Lalita aber den Unterricht. Smita kann diese Schmach nicht hinnehmen und flieht mit ihrer Tochter... 
Man erfährt in Smitas Abschnitt sehr viel über das Kastensystem, dem Glauben, die Armut und die Diskriminierung von Frauen. Nachdem man die Verbrennung der Witwen großteils abgeschafft hat, haben diese Frauen denselben Status wie Dalits und werden geächtet. Es ist schockierend zu lesen, wie Frauen in Indien behandelt und die Gesetzte missachtet werden.

Der Abschnitt um Giulia in Sizilien konnte mich anfangs nicht sofort begeistern. Giulia ist die jüngste Tochter der letzten sizillianischen Perückenmanufaktur in Palermo. Hier werden noch Echthaarperücken aus ausschließlich sizilianischen Haaren geflochten. Im Gegensatz zu ihren Schwestern interessiert sie sich für das kleine Firmenunternehmen und arbeitet selbst fleißig mit. Giulia möchte später in die Fußstapfen des Vaters treten. Das passiert allerdings schneller als ihr lieb ist, denn als ihr Vater nach einem Verkehrsunfall im Koma liegt, entdeckt sie, dass die Firma hoch verschuldet ist und auch der Privatbesitz samt Haus gepfändet werden kann.  Ihre Mutter und ihre Schwestern tendieren zur Aufgabe der Fabrik. Kunsthaar oder Haare aus anderen Ländern kommen nicht in Frage. Sie bestehen auf Tradition oder Verkauf, doch Giullia glaubt an Weiterentwicklung und will nicht so schnell aufgeben. Als sie sich in einem Mann mit Flüchtlingsstatus verliebt, beginnt sie zu kämpfen - für die Fabrik, die Arbeiter und die Liebe.

Die Dritte im Bunde ist Sarah, die in Montreal, Kanada lebt. Sie erscheint neben Smita und Giulua wie ein Mensch von einem anderen Stern. Sie ist eine Karrierefrau, alleinerziehend und steht kurz davor Partner in der Anwaltskanklei zu werden, in der sie arbeitet. Als Frau muss sie noch härter arbeiten, Schwäche ist unerwünscht, denn "In einem Haifischbecken sollte man lieber nicht bluten". Sarah lebt den Perfektionismus und hat alles im Griff....bis ihr das Schicksal ein Schnippchen schlägt und sie schwer erkrankt. Sie verschweigt ihre Krankheit, wie sie auch ihre Kinder verschwiegen hat und bemerkt sehr schnell, dass Schwäche und Krankheit ein Hindernis ist, um mitspielen zu dürfen...

Sehr gefallen hat mir der Aufbau des Romans - die drei Handlungsstränge, die einander beeinflussen und sich am Ende verbinden...wie ein Zopf.

Smitas Erzählstrang ist eindeutig am intensivsten und hat mich sehr berührt. Alle drei Protagonistinnen kämpfen gegen Diskriminierung, Ausgrenzung, Missachtung der Menschen- und Frauenrechte und für ein besseres Leben, manchmal auch ums Überleben. Der rote Faden der sich durch den Roman zieht, ist das Haar. Für alle drei Frauen haben Haare eine besondere Bedeutung, die ich hier nicht verraten möchte.

Inhaltlich steckt in diesem nur 288 Seiten starken Buch sehr viel. Einzig die Nebenfiguren blieben etwas blass. Die Autorin hat sich größtenteils auf ihre drei Protagonistinnen fixiert.
Das Ende fand ich etwas abrupt und hier hätte ich mir gerne noch mehr Seiten gewünscht. Es werden zwar die wichtigsten Fragen beantwortet, es bleiben jedoch ein paar davon offen. Man kann sich aber selbst das weitere Schicksal von Smita, Giulia und Sarah vorstellen und blickt auf einen hoffnugsvollen Ausgang der Geschichte.

Schreibstil:
Der aussagekräftige und klare Schreibstil der Autorin hat mir sehr gut gefallen. Laetitia Colombani schreibt sehr einfühlsam und bildhaft. Dialoge gibt es kaum, dafür viel indirekte Rede. Die Gedanken und Gefühle von Giulia und Sarah hätten noch mehr in die Tiefe gehen können.

Cover:

von links nach rechts:
Die Cover aus Italien, Schweden, Rumänien, Portugal, Tschechien und dem Original aus Frankreich

Fazit:
Ein bemerkenswerter Debutroman über drei beeindruckende Frauen, der mir noch lange im Gedächtnis beleiben wird. Gerne hätte ich noch mehr über Smita, Giulia und Sarah gelesen...ein paar mehr Seiten hätten der Geschichte gut getan. Von mir gibt es eine Leseempfehlung!


5 Kommentare:

  1. Liebe Martina,
    ich freue mich, dass dir das Buch so gefallen hat! Mich hatte es leider eher enttäuscht. Ich hatte viel mehr Tiefe erwartet. Doch dafür ist es einfach zu dünn und drei Geschichten sind auch wiederum zuviel für diese wenige Seitenzahl. Ich habe das Hörbuch gehört und durch die drei Sprecherinnen ist es besonders gelungen.
    Die Geschichte soll ja verfilmt werden, wenn ich es richtig gehört habe. Die Verfilmung kann ich mir sehr gut vorstellen! Bin jetzt schon gespannt.
    HIER ist meine Kurzmeinung zum Hörbuch, falls du magst.
    GlG und ein schönes Wochenende,
    monerl

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Monerl,
      ich habe dir eben einen Kommentar dagelassen. Mich hat besonders Smitas Geschichte sehr berührt. Die beiden anderen Stränge sind nicht so stark und 100 Seiten mehr wären besser gewesen...deshalb keine 5 Sterne. Für mich war es aber definitiv ein Buch, das mir noch lange im Gedächtnis bleiben wird und das mich beeindruckt hat - vorallem auch als Debütroman!
      Liebe Grüße
      Martina

      Löschen
  2. Hallo Martina,

    bei dem Buch weiß ich nicht so recht. Ich habe schon viele positive Meinungen dazu gelesen, aber es wirkt dennoch nicht wirklich reizvoll auf mich. Trotzdem bin ich neugierig. Zwickmühle? XD Wenn, dann werde ich es mir als Hörbuch gönnen.

    Liebe Grüße,
    Nicole

    AntwortenLöschen
  3. Liebe Martina

    Vielen Dank für die Spoiler-Warnung am Anfang. Ich bin da ja immer sehr empfindlich und lese das Buch wenn möglich nur nach Cover und auf Empfehlung. Bisher war ich mir bei "Der Zopf" noch nicht sicher. Aber da es dir so gut gefallen hat, wird mir das Buch sicher auch gefallen :-)

    Alles Liebe dir und auf bald
    Livia

    AntwortenLöschen
  4. Hallo liebe Martina <3 Zeiten voller Hoffnung kenne ich nicht, hab aber direkt Lust auf das Buch bekommen und werd es sicher kaufen. Da hast du echt viele Bücher im Juni geschafft, Respekt! Klasse Rezis wieder von dir <3

    AntwortenLöschen

Mit Nutzung der Kommentarfunktion akzeptierst du die Speicherung deiner Daten. Mehr dazu in der Datenschutzerklärung dieses Blogs.

 

Martinas Buchwelten Copyright © 2012 Design by Antonia Sundrani Vinte e poucos